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Interview mit Arne Vogt im ECOMMERCE NEWS MAGAZIN: Wie unterscheidet sich der E-Commerce in Deutschland und UK?

Interview mit Arne Vogt im ECOMMERCE NEWS MAGAZIN: Wie unterscheidet sich der E-Commerce in Deutschland und UK?

Unser Grün­der war mit dem ECOMMERCE NEWS MAGAZIN über das bran­dak­tuelle The­ma BREXIT, dem britis­chen Ref­er­en­dum zum Verbleib des Vere­inigten Kön­i­gre­ich­es in der Europäis­chen Union im Gespräch:
 
Der 23. Juni und damit das Ref­er­en­dum über den Verbleib von Großbri­tan­nien in der EU rückt näher. Die Span­nung steigt, nicht nur in UK. Kommt es zum Brex­it oder nicht? Darüber und über den Online­han­del in Deutsch­land und UK, was ihn verbindet, worin er sich unter­schei­det, haben wir mit Arne Vogt gesprochen. Dem Grün­der und Geschäfts­führer von Arta­vo, ein­er in Ham­burg und im englis­chen Wind­sor vertrete­nen E-Com­merce und IT-Unternehmensberatung.

Herr Vogt, wieso ist Arta­vo auch in UK vertreten?

Wir sehen die Über­win­dung kul­tureller Dif­feren­zen und den Aus­tausch von inno­v­a­tiv­en Tech­nolo­gien zwis­chen den bei­den größten E-Com­merce Märk­ten Europas als große Chance für Europa, sich in der Welt als Vor­re­it­er für fortschrit­tlichen B2C-Han­del zu posi­tion­ieren. Unser Anspruch ist es, Soft­ware-Unternehmen und andere Dien­stleis­ter des Han­dels dabei zu unter­stützen, sich opti­mal auf Ihren Mark­tein­tritt in Deutsch­land oder Eng­land vorzu­bere­it­en und sich im ersten Step über strate­gis­che Part­ner­schaften mit lokalen Part­nern im jew­eili­gen Markt zu etablieren.

Wie unter­schei­det sich der E-Com­merce in Deutsch­land und UK?

In UK ist der E-Com­merce durch die frühe Adap­tion durch den englis­chen Einzel­han­del bere­its weit­er entwick­elt als in Deutsch­land. Das wird beson­ders bei der Verknüp­fung von Online- und Offline Ver­trieb­sak­tiv­itäten der Händler und im Lebens­mit­teleinzel­han­del deut­lich. Auch bei den Ver­brauch­ern hat er bere­its eine deut­lich höhere Bedeu­tung. Die Briten kaufen im Durschnitt 50% mehr im Inter­net ein als die Deutschen. Allerd­ings ist Deutsch­land bei den Pro-Kopf Umsätzen in Europa auf Platz 2 und damit eben­falls führend.

Schaut man ins Detail, wer­den weit­ere Unter­schiede deut­lich. Ger­ade im Bere­ich Pay­ment nutzen die Deutschen z.B. gerne die Rech­nung oder Lastschrift als Zahlungsmit­tel. Bei­de Zahlungsmeth­o­d­en sind in UK qua­si unbekan­nt, hier wird ganz selb­stver­ständlich mit Kred­itkarte bezahlt. Durch die starke Verzah­nung im Bere­ich Online / Offline sind auch neue Logis­tikkonzepte wie Click and Col­lect oder Same Day Deliv­ery in UK schon längst Stan­dard, während wir damit ger­ade erst beginnen.

Da die Deutschen zudem sehr an ein­er rechtlich ein­wand­freien Geschäfts­beziehung mit Ihrem Händler inter­essiert sind und zudem die Abmah­n­risiken in Deutsch­land ungle­ich höher sind als in UK, ist dieser rechtliche Bere­ich in Deutsch­land sehr stark aus­geprägt, viele Dien­stleis­ter und Anwälte leben davon. In UK gibt es dieses Pochen aufs Recht nicht und wird von den britis­chen Händlern, die in Deutsch­land tätig wer­den wollen, als dif­fuse Gefahr wahrgenommen.

Was kön­nen deutsche Start-Ups von britis­chen lernen?

Die britis­chen Start-Up’s haben bei ihren Geschäft­sideen immer den Kun­den im Fokus, während die deutschen häu­fig eine tech­nis­che Prob­lem­stel­lung als Kern ihres Wirkens betra­cht­en. Dadurch haben die britis­chen Start-Up’s einen Vorteil bei der Argu­men­ta­tion gegenüber ersten Nutzern und Inve­storen. Weit­er­hin haben britis­che Start-Up’s häu­fig auch von vorn­here­in einen glob­aleren Fokus als die deutschen, ger­ade im Hin­blick auf andere englis­chsprachige Län­der wie die USA. Der Ser­vicegedanke ist in UK von jeher aus­geprägter als in Deutsch­land und auch davon kön­nen sich deutsche Start-Up’s eine Scheibe abschneiden.

Welch­es Stand­ing hat man als deutsch­er Unternehmer in UK?

Deutsche Unternehmen und deren Leis­tun­gen wer­den von den Briten als durch­dacht und sehr solide wert­geschätzt. Hier wird immer wieder über die deutschen Autos geschwärmt, die trotz Linksverkehr in großer Menge über die Insel gefahren wer­den. Das ist ger­ade auch für deutsche Beratungs- und Soft­ware­un­ternehmen ein Ben­e­fit. Im Bere­ich Mar­ket­ing wer­den die Deutschen dafür als eher lang­weilig und nicht inno­v­a­tiv eingestuft, hier haben die Briten eine sehr hohe Mei­n­ung von sich selb­st und ich finde zu Recht.

Welch­es Inter­esse haben britis­che E-Com­merce Unternehmen am deutschen Markt?

Die britis­chen Online-Händler sehen Deutsch­land neben Chi­na und den USA als hochin­ter­es­san­ten Absatz­markt, ger­ade im Fash­ion-Bere­ich. Aber wie man am Beispiel ao.de sieht, kön­nen auch Con­ve­nience Pro­duk­te wie weiße Ware mit hoher Ser­vice­qual­ität erfol­gre­ich von Briten in Deutsch­land ver­mark­tet wer­den, und das sog­ar trotz unter­schiedlich­er Steckdosen-Normen!

Wie ist die Stim­mung in Sachen Brex­it in der Bevölkerung?

Die Stim­mung in der Bevölkerung ist von hoher Unsicher­heit geprägt. Es gibt keine glasklare Beken­nt­nise für oder gegen einen Brex­it, da es keine ein­deutig ein­leuch­t­en­den Gründe für einen Brex­it gibt. Die Brex­it Anhänger sind gegen weit­ere Ein­wan­derun­gen aus EU-Län­dern, weil diese das nationale Sozialver­sicherungssys­tem belas­ten. Weit­er­hin sind sie gegen den EU-Pro­tek­tion­is­mus und die Bevor­mundung durch Brüs­sel in diversen Fra­gen, die ihrer Mei­n­ung nach von den Briten selb­st entsch­ieden wer­den soll­ten. Das dritte Argu­ment sind die hohen Abgaben, die UK als drittgrößter EU-Net­tozahler nach Frankre­ich und Deutsch­land zu leis­ten hat, deren Mehrw­ert nicht gese­hen wird. Ger­ade ältere Men­schen und Men­schen aus den unteren sozialen Schicht­en sind für einen Brex­it, aber auch viele Kon­ser­v­a­tive, die UK weit­er­hin als den Mit­telpunkt des Com­mon­wealth betra­cht­en, der auf­grund sein­er vielfälti­gen weltweit­en poli­tis­chen und wirtschaftlichen Beziehun­gen nicht auf das kon­ti­nen­tale Europa angewiesen ist.

Nichts­destotrotz sind auch viele Briten gegen den Brex­it, ger­ade die Schot­ten und die Nordiren sind mehrheitlich für einen Verbleib in der EU. Die jün­geren Englän­der und die Besserver­di­ener sind auch eher gegen erneute Ein­schränkun­gen und sehen sich als Teil ein­er glob­alen Welt. Viele Wirtschaft­sex­perten, Fir­menchefs und Intellek­tuelle haben sich für den Verbleib in der Europäis­chen Union aus­ge­sprochen. Unternehmen wie JP Mor­gan gehen sog­ar einen Schritt weit­er und dro­hen damit, im Falle eines Brex­its 4.000 Mitar­beit­er zu entlassen.

Die Finanzwirtschaft in der City of Lon­don ist geteil­ter Mei­n­ung. Der Fall des Pfunds würde durch einen Brex­it beschle­u­nigt wer­den, der Ver­fall von Aktien aber eher nicht. Lon­don kön­nte sich ohne die EU-Fes­seln noch bess­er als glob­aler Finanz­platz etablieren, ger­ade auch Finanzpro­duk­te aus Schwellen­län­dern, und wäre durch die Fusion mit der Deutschen Börse trotz­dem weit­er mit dem europäis­chen Bin­nen­markt verbunden.

Viele ger­ade expor­to­ri­en­tierte Unternehmen wie z.B. der Online-Han­del sehen den Brex­it als ern­ste Bedro­hung an. Lon­don ist für viele glob­ale Unternehmen das Tor zu Europa und wird diese Bedeu­tung durch den Brex­it spür­bar ein­büßen. Exportzölle und kom­plexere Aus­fuhrbe­din­gun­gen kön­nten den Abverkauf von Pro­duk­ten in den europäis­chen Bin­nen­markt deut­lich erschw­eren und die Wet­tbe­werb­s­fähigkeit der britis­chen Händlern in diesem preis­sensi­blen Umfeld inner­halb Europas gefährden.

Welche Kon­se­quen­zen hätte ein Brex­it für Dich und Artavo?

Ger­ade für viele deutsche Unternehmen kön­nte es erst ein­mal leichter sein, in andere Län­der zu expandieren, in denen die Reg­u­lar­ien für Fir­men­grün­dung, Per­son­ale­in­stel­lung etc. leichter zu bew­erk­stel­li­gen sind. Die britis­chen Unternehmen kön­nten sich dage­gen erst ein­mal vom nun kom­plex­er zu erschließen­den europäis­chen Bin­nen­markt abwen­den und sich mehr auf USA und Chi­na konzentrieren.

Da jedoch bei­de E-Com­merce Märk­te in Europa auf abse­hbare Zeit die wichtig­sten bleiben wer­den, wird es unsere Auf­gabe sein, die entste­hen­den Bar­ri­eren durch die Pla­nung und Umset­zung von bilat­eralen Ver­trieb­sko­op­er­a­tio­nen und strate­gis­chen Part­ner­schaften in den bei­den Län­dern so zu gestal­ten, dass die durch den möglichen Brex­it entste­hen­den Nachteile für unsere expan­sion­swilli­gen Kun­den aus­geglichen wer­den können.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie geht das Ref­er­en­dum aus?

Ich gehe davon aus, dass sich die Briten wie die Schot­ten vor knapp zwei Jahren bei Ihrem Ref­er­en­dum über den Verbleib im Vere­inigten Kön­i­gre­ich für den Verbleib in der EU entschei­den wer­den, weil die Argu­mente für eine Aus­tritt nicht aus­re­ichen, um die sog­ar vom britis­chen Finanzmin­is­teri­um deklar­i­erten hohen möglichen Ein­bußen beim per­sön­lichen Einkom­men und die von vie­len Wirtschafts­forschungsin­sti­tuten vorherge­sagten Ver­luste beim Wirtschaftswach­s­tum zu recht­fer­ti­gen. Selb­st der britis­che Pre­mier­min­is­ter David Cameron, der seinen Wäh­lern das Ref­er­en­dum ver­sprochen hat­te, ist bren­nen­der Befür­worter für einen Verbleib. Da wird auch sein Stu­di­enkol­lege und Parteifre­und Boris John­son nichts gegen tun kön­nen, zudem viele Briten bei sein­er Parteinahme für den Aus­tritt nur sein eigenes poli­tis­ches Kalkül sehen, nicht aber seine echte Mei­n­ung. Denn warum soll der Bürg­er­meis­ter von Lon­don, ein­er der multi­na­tion­al­sten und weltof­fen­sten Städte der Welt, ern­sthaft für eine Rückbesin­nung auf nation­al­is­tis­che Werte ste­hen? Zudem wer­den die schot­tis­che und die nordirische Min­der­heit mehrheitlich für einen Verbleib stimmen.

Vie­len Dank für das Gespräch.


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